Teil 6

Eine Kaffeemaschine besaß ich nicht. Aber Tabak. Ich drehte mir eine Zigarette und setzte das Kaffeewasser auf. Drei Löffel Kaffeepulver in die Tasse. Dazu zwei Löffel Zucker. Obendrauf ein Schluck Milch. Kaffee in der Tasse war ohnehin besser als jede andere Form, Kaffee zu trinken. Die Tasse klirrte, als der Löffel gegen sie stieß. Warm lag er mir auf der Zunge. Beim Schlucken tat es leicht weh. Ich nahm Platz. Meine rechte Hand schmiegte sich an die heiße Tasse. Einen kurzen Moment war es zu heiß, aber nichts, das ich nicht aushalten konnte. Ohne zu wissen, was ich tat, hielt ich mich aus.

Die Wärme zog aus der Hand in den Arm und weiter, dorthin, wo ich sonst nicht hinsah. Wie bei einer Verletzung rann mir das Blut innen herunter, sammelte sich und verklumpte leicht. Alle Richtungen, die ich hätte einschlagen können, stockten, taten weh und verschlangen sich gegenseitig. All die Kraft lag vor mir in einer regenbogenfarbenen Pfütze, aus der niemand mehr trinken wollte. Vor allem ich nicht.

Ich trank den zweiten Kaffee und rauchte eine Zigarette. Plötzlich entfaltete sich alles wie ein Fächer. Ich konnte mein Leben einteilen – in Episoden. Ungefähr seit ich zwanzig gewesen bin.

Weggebracht und verdorben lagen die einzelnen Teile da wie auf einem Flohmarkttisch. Eigentlich zum Verschenken, aber am Ende dann doch bepreist.

Was ich getan hatte, bekam einen Grund. Nicht eine Entschuldigung. Einen Grund.

Von den anderen musste das niemand aushalten. Und ich dachte, ich wäre schwach.

Das Radio lief. Jemand sprach über Glätte in Brandenburg. Dann Musik. Rumpelnde Tiefen. Schneidende Höhen. Nichts, was sich selbst interessant machte. Ich stellte es aus. Die Töne waren noch da. Nur nicht mehr für mich. Neben der Zuckerdose lag die Packung, weiß, mit blauen Streifen. Ich drückte die fünfzehnte Tablette heraus und hörte die Folie reißen. Ein Geräusch wie ein Fingernagel auf Papier. Ich schluckte sie mit dem Kaffee. Sie ging schlechter runter als er.

Der dritte Kaffee führte zu einer leichten Nervosität. Beständiges Zittern an diversen Außenstellen. Haare richteten sich auf und senkten sich wieder. Das restliche Innenleben war nicht betroffen, nur etwas aufgeworfen.

Alles war plötzlich so leicht. Es fühlte sich an wie nach dem allerersten Mal. Am liebsten hätte ich Menschen umarmt. Aber in der Küche war niemand.

Die Wäsche war zum Glück schon eingesammelt: Alles gemischt, anders machte keinen Sinn. Während ich auf dem Bett lag und die erschlagenen Mücken an der Decke zählte, zog Genugtuung ein. Genugtuung, dass das Zählen das Rumpeln der Maschine nicht überstand.

Der kalte Kaffee schmeckte leicht nach Schokolade. Sich in meinem leeren Magen sammelnd, tat er nichts, was ich nicht auch von ihm erwartet hätte. Blubbernd, glucksend verrann in ihm die Zeit. Kein Aufstand war nötig.