
Den Weg zum Olivaer Platz nahm ich zu Fuß. Zwanzig Minuten sollten reichen. Schätzte ich. Unterwegs ein Bäcker hier, ein Bäcker dort. Aber für Kaffee war es zu früh und zu spät gleichzeitig. Ich packte meinen Berlin-Plan wieder ein. In der Nähe des Adenauerplatzes sollte es sein. Verharschter Schnee um mich herum. Aufdringliches Knirschen des Rollsplits unter meinen Schuhen. Es war kalt. Ich musste mir den Schal richten. Ich suchte nach irgendeinem Schild an irgendeiner Tür, das mich einladen würde. Ein Teppichladen und ein Café. Irgendwo dazwischen musste es sein. Es hatte die Hausnummer vier. Ich ging hin und ich ging her – ich fand die Nummer vier nicht. Und dann sah ich es doch: Da zwischen den Klingelschildern ist es ja. Ich rauchte noch eine Zigarette. Dann klingelte ich. Das Treppenhaus war erstaunlich sauber für den ganzen Rollsplit da draußen. Zwei Etagen, dann stand ich einer angelehnten Tür gegenüber. Ich ging hinein.
Der Empfangstresen war leer. Daneben war ein Warteraum mit zehn Stühlen. Drei Menschen, stehend, eine junge Frau und zwei Männer. Sie hatte Zettel in der Hand. Ihre Jacken anziehend. Mit den Zetteln fuchtelnd. Was hatte ich erwartet? In jedem Fall keine normalen Menschen. Ich legte ab und setzte mich.
So wie die Zeit verging, erschrak ich beinahe. In eine Minute senkten sich fünfzehn und bald wurde ich aufgerufen. Ich ging in einen kleinen Raum mit einem Fenster, zwei Stühlen und einem Tisch. Die Frau darin war ausladend gekleidet und freundlich bis zur äußersten Distanzierung.
Der Raum war ein guter Ort, um nicht mehr zu wissen, was gesagt wurde. Ein wenig Kunst an den Wänden. Eine Schachtel Taschentücher auf dem Tisch und schon war es wieder vorbei. Ich fand mich wieder im Warteraum. Jemand würde kommen. Mich holen. In den nächsten Raum mit zwei Stühlen und einem Fenster und Kunst an der Wand. Und so war es dann auch. Eine Frau, die anscheinend so alt war wie ich, mit spitzem Gesicht und rotem Haar. Auch hier wieder ein Gespräch über mich, mit mir, das mich behutsam auf eine treibende Scholle stellte, leise beobachtend, in welche Richtung ich trieb. Und schon wieder saß ich im Wartezimmer. Erneut sollte sich das Prozedere wiederholen mit einer anderen Person in einem anderen Raum mit zwei Stühlen, einem Tisch und einem Fenster. Männer sah ich dort keine.
Man würde sich beraten und mich dann rufen. Erneut wartete ich. Minuten reihten sich aneinander. Ich war eben nur einer der Anderen. Dann wurde ich aufgerufen.
Man sei übereingekommen, dass es sich in meinem Fall um eine bipolare Störung handele. Man gebe mir noch die Kontaktdaten einer Psychiaterin und einer Therapeutin, die Plätze frei hätten, dann stand ich wieder zwischen verharschtem Schnee und mit Zetteln in der Hand. Überweisungen, glaube ich. Ich sah auf die Uhr. Drei Stunden. Auf dem Heimweg fiel alles von mir ab.
Zu Hause zog ich meine Sachen und die Schuhe aus. Die Zettel legte ich auf die Kommode. Im Flur ging das Licht nicht. Am Abend trank ich Bier.
Die Psychiaterin habe ich heute noch.