Teil Drei

Es gab da dieses Flackern. Keine Stimme, kein Gedanke. Eher wie ein Geräusch aus der Wohnung nebenan. Von dem man nicht sicher ist, ob man es gehört hat. Etwas stimmte nicht. Nicht mit der Beziehung. Mit mir. Ich habe es sofort gewusst und jahrelang nicht gewusst. Beides gleichzeitig. Das kann ich gut.

In der vollen Pracht ihrer Wut stand sie vor mir. Ihre Zehen wie Wurzeln auf den Dielen. Ihre Beine wie Stämme. Das weiß-rot gepunktete Kleid ihr Gefieder. Wunderschön war das. Mit all meiner Arroganz lächelte ich sie an.

Ich redete wie ein Wasserfall. Ich war witzig, schlagfertig, charmant. Ich wickelte sie ein. Ich verführte sie. Es war alles da – diese Energie, dieser Sog, diese Überzeugung, dass es keinen Morgen gibt. Nur jetzt. Nur dieses eine, vibrierende Jetzt. Ich verliebte mich andauernd. In Menschen. In Ideen.

Ich verletzte Menschen, weil ich einfach nicht spürte, was das alles bedeutete. Weil es mir egal war. Weil ich über allem stand. Es fühlte sich an wie eine Wahrheit. Eine Klarheit, die nur ich sehen konnte.

Ich fühlte nichts. Keinen Druck, keine Angst. Nur die Bewegung. Immer weiter. Immer vorwärts. Der Kühlschrank war leer. Mein Kopf war voll. Die Nächte waren laut.

Ich schrieb Listen voller Pläne. Geschäftsideen. Drehbücher. Manifeste. Lernte Texte. Ich probte. Wie in einem Trichter, der immer enger wurde. Projekte mit Freunden, die nie davon erfuhren. Alles war möglich. Ich war bereit, ein neues Leben zu bauen. Oder zehn. Gleichzeitig. Und ich war sicher: Ich kann das. Ich kann alles. Es musste nur endlich jemand verstehen, was ich sehe.

Niemand sah es. Niemand verstand, wie klar alles plötzlich war. Wie logisch. Wie verbunden. Ich war überzeugt, dass ich Muster erkannte, die anderen verborgen blieben. Ich konnte die Welt ordnen. Ich konnte sie retten. Und gleichzeitig: Ich war müde. So müde, aber das durfte nicht sein. Müdigkeit war Schwäche. Schwäche war Verrat.

Also weiter. Immer weiter. Weiteratmen. Weiterrennen. Weiterleben, als gäbe es kein Zurück. Und vielleicht gab es das auch wirklich nicht mehr.

Ich riss nicht ab, meine harten Gedanken rissen nicht ab. Keine Wohnung. Nicht heute. Nicht morgen. Auch übermorgen nicht. Wieder und immer wieder saß ich auf dem Fahrrad und schwitzte mir die Zuversicht aus dem Kopf. Schneller, immer schneller treten. Eine Wohnung suchend, die es bisher für mich nicht gab. Bloß nicht damit aufhören. Zuletzt war sie ein Rascheln im Treppenhaus. Das Kleid, ein Stockwerk tiefer. Dann die Haustür. Sie war ausgezogen. Meine Sachen in einer Ecke der Wohnung zusammengeschoben. Es war genauso unwirtlich wie ich. Demnächst würde ich mit meinen Sachen auf der Straße stehen. Nicht bald. Demnächst. Morgen würde ich weitersuchen. Morgen würde ich wieder treten, bis die Zuversicht zurückkam oder der Schweiß sie ganz ersetzte.

Dort stand er also, der Haufen. Mein Leben, komprimiert auf zwei Quadratmeter Dielenfußboden. Ein paar Kartons. Die Tasche mit den Klamotten, hastig vollgestopft. Es sah aus wie eine schlecht sortierte Sperrmüll-Ansammlung, die darauf wartete, dass jemand Mitleid hatte. Oder das Ordnungsamt. Aber nichts sollte mich trüben. Mir ging es großartig. Bier, Haufen, zielgerichtete Gedanken. Ich wurde gezogen. Nach vorne. Dann der Anruf. Alles Unvorstellbare prasselte auf mich nieder. Ein kleines, konstantes Rauschen von Sorglosigkeit. Es fühlte sich an wie die nicht weggespülten Kristalle in der Dusche. Leicht kratzig, etwas schmerzhaft. Ab jetzt ging alles. Alles, was ich wollte, war zum Greifen nah und würde sich in diesen vierzig Quadratmetern abspielen. Liebe, Bosheit, Glückseligkeit, Frustration – ich war zu allem bereit. Mit wem auch immer. Ich öffnete das Fenster und roch die Nacht. Verrußt, leicht modrig. Ich klappte einen nächtlichen Deckel über mich. Das dritte Bier wirkte dann.

Am nächsten Tag noch einmal Fahrrad. Welch besseren Platz gäbe es für eine Schlüsselübergabe als ein Büro? Mietvertrag unterschreiben. Schlüssel. Hand öffnen. Ich schloss die Hand. Er drückte und piekste. Er tat meiner Haut gut. Jetzt stand einem schnellen Umzug nichts entgegen.

Das Bett stand. Der Schreibtisch auch. Er stand am Fenster, dort, wo die Vorhänge sanft in der schmutzigen Großstadtluft wehten. Da saß ich. In einer Unterhose. Fast nackt. Zu treten war nichts mehr. Nicht schneller, nicht langsamer. Kein Schweiß mehr. In mir sackten nach und nach die Gefühle ab. Nichts bedeutete plötzlich etwas. Es sickerte durch das Atmen durch, dass mir so viel bedeutet hatte. Wie das Bier, das ich mir geöffnet hatte. Die Atmung fiel aus. Plötzlich. Nun war es vorbei. Alles war traurig. Und in der Stille war es wieder da. Das Flackern. Kein Geräusch aus der Wohnung nebenan. Es kam aus dieser. Endlich wieder atmen – das war doch, was ich wollte. Das einzige, was hier atmete, war das Bier in meiner Hand.